Wenn die Herbstsonne tiefer sinkt und der erste Frost die Gipfel der Dolomiten weiß färbt, bricht in Südtirol eine Zeit der stillen Einkehr an. Doch wer glaubt, dass die Tage rund um Allerheiligen und Allerseelen im Norden Italiens von reiner Melancholie geprägt sind, der irrt. In kaum einer anderen Region im Alpenraum ist das Gedenken an die Verstorbenen so lebendig, so farbenfroh und – im wahrsten Sinne des Wortes – so schmackhaft geblieben wie hier. In Südtirol verschmelzen tief gelebter katholischer Glaube und jahrhundertealtes bäuerliches Brauchtum zu einem gesellschaftlichen Ereignis, das Generationen verbindet.

Wenn der Friedhof zum Treffpunkt wird

Grabstein von Berta Förer mit Blumenarrangement und Gedenkkerzen, umgeben von Kieselsteinen.

Der 1. November ist in Südtirol ein gesetzlicher Feiertag, und er gehört traditionell der Familie. Schon Tage zuvor herrscht auf den Friedhöfen zwischen dem Vinschgau und dem Pustertal geschäftiges Treiben. Gräber werden von Moos befreit, frischer Kies wird aufgeschüttet und kunstvolle Gestecke aus Tannenzweigen, Zapfen und herbstlichen Blumen werden arrangiert.
Der Höhepunkt des Tages findet am Nachmittag statt: die Gräbersegnung. Es ist ein Bild von archaischer Schönheit, wenn die Prozession, angeführt vom Dorfpfarrer und oft feierlich begleitet von der örtlichen Musikkapelle, durch die engen Gänge des Friedhofs zieht. Nach der Andacht wird jedes einzelne Grab mit Weihwasser gesegnet. Für die Südtiroler ist dies weit mehr als eine religiöse Pflicht. Es ist ein Moment des Innehaltens, aber auch des Wiedersehens. Man trifft Verwandte, die man oft das ganze Jahr über nicht gesehen hat. Es wird geschaut, erinnert und leise gelacht.
Wenn schließlich die Dämmerung über die Täler hereinbricht, entfaltet sich der magischste Moment des Tages. Hunderte rote Grabkerzen, die „Seelenlichter“, werden entzündet. Die Friedhöfe verwandeln sich in ein schimmerndes Lichtermeer, das die Dunkelheit verdrängt und symbolisch die Hoffnung auf das ewige Leben in die Nacht trägt.

Ein Pferd für den Buben, eine Henne fürs Mädchen

Während der Nachmittag den Toten gehört, steht der Vormittag ganz im Zeichen der Lebenden – genauer gesagt, der Patenkinder. Ein Brauch, der in Südtirol nach wie vor mit Stolz gepflegt wird, ist das Verschenken des sogenannten „Fochaz“.
Dieses traditionelle Patenbrot aus süßem, duftendem Germteig (Hefeteig) unterscheidet sich in Südtirol wesentlich vom klassischen Flechtstriezel des restlichen österreichisch-bayerischen Raums. Hier hat der Teig eine ganz eigene Symbolik: Tauf- und Firmpaten (Teit und Touta) bringen ihren Patenkindern kunstvoll geformtes Gebäck. Für die Buben gibt es das stolze „Allerheiligenpferd“ (den Scheck), für die Mädchen eine „Allerheiligenhenne“, oft verziert mit einem bunten Ei oder – zur Freude der Jugend – einer glänzenden Münze. Das gemeinsame Essen des Fochaz festigt das Band zwischen Paten und Kindern, ein Versprechen der Fürsorge, das oft ein Leben lang hält.

Zwischen Mythen und Marktschreiern

Kulinarisch geht es in den Tagen rund um den Jahreswechsel des alten Bauernkalenders ohnehin zünftig zu. In den Küchen des Eisack- und Pustertals brutzeln die traditionellen Allerheiligenkrapfen im heißen Fett, gefüllt mit süßem Kastanienreis, Mohn oder Marillenmarmelade. Sie sind ein Überbleibsel des „Seelenbrotes“, das früher an die Armen und an bettelnde Kinder verteilt wurde, die für die Seelen im Fegefeuer beteten.
Wer die Bräuche der Region in ihrer geballtesten Form erleben möchte, den zieht es am 2. November, dem Allerseelentag, nach Glurns. In der kleinsten Stadt Südtirols findet seit Jahrhunderten der legendäre „Sealamorkt“ (Seelenmarkt) statt. Einst die letzte Gelegenheit für die Bergbauern, sich vor dem harten Wintereinbruch mit Vieh, warmer Kleidung und Vorräten einzudecken, ist der Markt heute ein buntes Volksfest. Zwischen historischen Stadtmauern mischt sich der Geruch von gebratenen Kastanien, Glühwein und Südtiroler Speck mit dem Stimmengewirr von Tausenden Besuchern.

Ein Fest, das bleibt

In einer zunehmend digitalen und schnelllebigen Welt wirken die Allerheiligen-Traditionen in Südtirol wie ein wohliger Anker. Sie zeigen, dass das Gedenken an die Ahnen hier kein Tabuthema ist, sondern ein fester Bestandteil des Lebens. Wenn die Menschen im Schein der Seelenlichter zusammenstehen, wird spürbar: Die Erinnerung stirbt nie – solange es Rituale gibt, die sie am Leben erhalten.


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