Südtirol präsentiert sich geschickt mit Wein, Äpfeln, Speck und Sonne, doch für eine andere Perspektive sollte man die Schattenseite erkunden.Südtirol bietet eine Verbindung aus schneebedeckten Gipfeln und mediterranem Klima, ist keine Geheimtipp mehr und hat trotz seiner Bekanntheit noch viele Überraschungen zu bieten.
Die Reise beginnt in Naturns, einem Thermaldorf mit rund 6100 Einwohnern, das etwa 15 Kilometer von Meran entfernt liegt. Im Norden des Tals steht der Sonnenberg, wo Kakteen in der Sonne wachsen und Wanderwege entlang malerischer Bergbauernhöfe führen. Hier verläuft auch der bekannte Meraner Höhenweg mit Jausenstationen und Gaststätten. Die vielen Bergbauernhöfe stammen aus dem Mittelalter und waren für die Menschen dort abgelegen, aber sie genossen den ganzen Tag die Sonne.
Doch gegenüber liegt der Nörderberg. Die Schattenseite. Fichten und Lärchen dominieren den Hang, während im unteren Bereich Kiefern und weiter oben Latschen wachsen. Das Licht ist sanfter, und die meisten Touristen bleiben auf der anderen Seite. Wer hierher wechselt, trifft eine bewusste Entscheidung. So wie Steffi Weithaler, die auf dem Birchberg bei Plaus wohnt. Auf 1080 Metern Höhe, etwa 500 Meter über Naturns, steht die 59-Jährige im Stall des Pirchhofs und kümmert sich um ihre Lamas. Die Lamas vom Birchberg laufen aufgeregt umher, denn gleich geht es los. Ihr wuscheliges Fell lädt zum Streicheln ein, doch Weithaler warnt: „Lamas sind Fluchttiere und mögen keine Berührungen.“ Sie freuen sich auf den Spaziergang in den „Südtiroler Anden“, denn Steffi teilt jedes Lama der passenden Begleitung zu. Weithaler stammt ursprünglich aus Mainz und arbeitete viele Jahre als Bankerin. Vor 17 Jahren beschloss sie, in Südtirol zu leben. Ein ZDF-Team begleitete sie, als sie für ein Jahr als Bergbauernhilfe auf den Hof von Helmut Weidacher kam: 5,5 Hektar Wiese, 12 Hektar Wald, Kühe melken und Heu ernten, alles zu zweit. Ein Jahr wurde zu zweien, und dann zu dreien. Sie verliebte sich in den Hof und in Helmut. Für ihn war es klar, den elterlichen Hof nicht aufzugeben, die Milchwirtschaft jedoch nicht fortzuführen. 2014 verkauften sie die Milchkühe und überlegten, wie es weitergehen sollte. Ein Bauernhof ohne Tiere? Undenkbar. Vor elf Jahren entschieden sie sich für Lamas, die sie liebevoll „unsere Rasselbande“ nennen. Heute besteht die Herde aus 18 Lamas und zwei Alpakas.
Der Spaziergang für Feriengäste und Einheimische folgt einer festen Reihenfolge: Lama nach Lama, nach einer festgelegten Hierarchie. Lily führt den Weg, gefolgt von ihrer Mutter Caroline. Zuerst etwas zögerlich, werden die Lamas mit jedem Schritt ruhiger und versuchen gelegentlich, Blätter am Wegesrand zu stehlen. „Bitte nicht fressen lassen!“, ruft Weithaler von hinten. Die Konzentration gilt den Tieren, nur der Blick auf die Gipfel der Texelgruppe lenkt ab. Unten im Tal sieht man unzählige Apfelbäume in geordneten Reihen, denn Südtirol ist bekannt für seine Äpfel: 18.000 Hektar, 6000 Familienbetriebe und eine Million Tonnen Ernte pro Saison, acht Prozent der europäischen Produktion stammen hierher. Seit der Eröffnung der Brennerbahn 1867 wurden die Äpfel als Luxusgut in viele Länder exportiert. Doch die Monokultur bringt Herausforderungen: Pestizideinsatz und Druck auf kleine Betriebe. Einige suchen nach Alternativen, während der Südtiroler Wein als exklusives Produkt gilt, trotz seiner geringen Anbaufläche. Die Winzer legen Wert auf Qualität, was auch Christine und Raphael Burki in die Region zog. Messner gründete das Weingut Unterortl unter Schloss Juval. Um dorthin zu gelangen, muss man ins Schnalstal, bekannt durch das Ötzi-Fundstück. Das Weingut hat jedoch auch eine eigene, bedeutsame Geschichte.
Hoch oben thront Schloss Juval, das seit 1983 im Besitz von Reinhold Messner ist. Im Schatten dieses Schlosses liegt das Weingut Unterortl, gegründet 1992 von Messner. Seit 2023 führen Christine und Raphael Burki das Weingut, während das Land von Messners Sohn gepachtet ist. Die Burkis stammen aus Luzern und haben zuvor keine Erfahrung im Weinanbau, entschieden sich jedoch in ihren Dreißigern für einen Neuanfang. Raphael studierte Weinbau und sie sammelten Erfahrungen in ihrem Heimatland und Neuseeland, bevor sie das Angebot aus dem Vinschgau erhielten.
Heute bewirtschaften die Burkis 4,3 Hektar biologisch zertifizierter Steillagen in Höhenlagen zwischen 620 und 850 Metern, wo verschiedene Mikroklimata entstehen. Christine Burki beschreibt die körperliche Arbeit zwischen den Reben und die manuellen Entfernungen von Schädlingen, wie den Raupen des Traubenwicklers. Sie produzieren rund 40.000 Flaschen Wein pro Jahr, was gerade wirtschaftlich tragbar ist, und schätzen die Freude, die ihr Produkt den Menschen bringt. Um den Wein genießen zu können, muss man nur die Seite wechseln.
Ähnliche Beiträge
Entdecke mehr von RADIO SÜDTIROL Bozen Meran - BURGSTALL
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.